Zeitaufwand pro Bewerbung: 50 Jahre Technik
Der Zeitaufwand je Bewerbung ist seit 1970 fast auf die Hälfte gefallen, der für eine ganze Jobsuche gestiegen. Die Rechnung dazu, Posten für Posten, mit Quellen.
Eine Bewerbung kostet heute im Schnitt 44 Minuten, 1970 waren es von Hand auf Papier gut 80. Der Aufwand je Schreiben ist damit fast auf die Hälfte gefallen, der Aufwand für eine ganze Jobsuche im selben Zeitraum gestiegen. Beides hat dieselbe Ursache.
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Woher die Zahlen kommen
Belastbare Erhebungen gibt es erst ab den 2000er Jahren. Eine Befragung von 1.000 Jobsuchenden aus dem Frühjahr 2026 kommt auf 44 Minuten je Bewerbung, bei 62,6 Bewerbungen pro Person. Für Deutschland zeigt eine Befragung von 455 Berufsstartern, dass 40 Prozent ein bis zwei Stunden je Bewerbung aufwenden und 27 Prozent drei bis vier (Talents Connect mit der Hochschule Koblenz, Februar und März 2018).
Für die Jahrzehnte davor liegt nichts vor. Die älteren Werte sind deshalb gerechnet, aus vier Posten, die sich einzeln prüfen lassen. Für 1970 sieht das so aus:
- Schreiben. Anschreiben und Lebenslauf sind zusammen rund 450 Wörter. Von Hand schafft ein Erwachsener etwa 15 Wörter pro Minute. Das sind 30 Minuten.
- Korrigieren. Ein Fehler in der letzten Zeile bedeutete, dass die Seite neu geschrieben wurde. Angesetzt sind 15 Minuten.
- Überlegen. Ordnen, was in den Brief gehört und was diese eine Firma davon hören will. Angesetzt sind 25 Minuten.
- Verschicken. Kuvert, Adresse, Briefmarke, Gang zum Briefkasten. Angesetzt sind 12 Minuten.
Zusammen 82 Minuten. Belegbar ist davon allein die Schreibgeschwindigkeit. Im Zehnfingersystem gelten 200 bis 400 Anschläge pro Minute als geübt, also 40 bis 80 Wörter, am Rechner sind es heute im Schnitt 52 Wörter pro Minute. Für die Handschrift gibt es keine vergleichbar saubere Quelle, die 15 Wörter sind ein Richtwert. Die drei übrigen Posten sind begründete Annahmen. Wer sie anders ansetzt, kommt auf andere Minuten für 1970, aber auf dieselbe Richtung.
Drei von vier Posten hat die Technik übernommen
1970 kostete die zehnte Bewerbung fast so viel wie die erste, 62 Minuten gegenüber 82. Wer eine zweite Firma anschrieb, sparte an genau einem der vier Posten, am Überlegen. Statt 25 Minuten kostete es noch rund fünf, weil der Aufbau stand und nur der Bezug zur neuen Firma neu war. Geschrieben, korrigiert und zur Post gebracht wurde jedes Mal von vorn.
Danach fiel ein Posten nach dem anderen. Durchschlag und Fotokopie nahmen den Lebenslauf aus dem Schreiben. Das Textprogramm nahm das Korrigieren fast vollständig, weil ein Tippfehler nicht mehr die ganze Seite kostete. Die Online-Bewerbung nahm den Postweg. Übrig blieb der eine Posten, der sich nicht kopieren lässt, nämlich der Teil, der auf diese eine Firma zeigt.
Seitdem klafft zwischen der ersten und der zehnten Bewerbung ein immer größerer Abstand, und seitdem wächst die Zahl der Bewerbungen statt der Sorgfalt je Bewerbung. Svenja Hofert beschreibt, wie sich die getippte Mappe in den 1980ern durchsetzte und die Online-Bewerbung ab 2002 übernahm.
Der Preis der zweiten Bewerbung
Fast jeder zweite Berufsstarter (48 Prozent) wendet für die zweite Bewerbung nur noch die Hälfte der Zeit auf, die in die erste geflossen ist.
Nur fällt die Hälfte fast immer beim falschen Posten weg. Gestrichen wird das Überlegen, ausgerechnet der Teil, den bis heute keine Technik übernimmt. Übrig bleibt, was überall passt, und was überall passt, fällt beim Lesen sofort auf. Wie kurz dieser Blick ausfällt, steht in unserem Beitrag dazu, wie Personaler Bewerbungen tatsächlich lesen.
Die Ersparnis ist in mehr Bewerbungen geflossen
Die einzelne Bewerbung ist billiger geworden, die Zahl der Bewerbungen dafür größer. Bei LinkedIn gehen nach Angaben des Netzwerks rund 11.000 Bewerbungen pro Minute ein, 45 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
In einer einzelnen Jobsuche sieht dieselbe Entwicklung so aus. 62,6 Bewerbungen zu 44 Minuten ergeben rund 46 Stunden, mehr als eine volle Arbeitswoche, verteilt auf Abende und Wochenenden.
Warum KI in den Zahlen kaum auftaucht
Ein brauchbarer Entwurf entsteht heute in Sekunden. In den Erhebungen von 2026 schlägt sich das kaum nieder, und dafür gibt es zwei Gründe.
Der erste sind die Formulare. Online-Portale fragen Angaben ab, die im hochgeladenen Lebenslauf längst stehen. Dazu kommen Fragebögen, Testaufgaben und Benutzerkonten, die für eine einzige Bewerbung angelegt werden sollen. Was das Schreiben spart, holt das Eintippen zurück.
Der zweite Grund ist der Posten, der übrig bleibt. Der Entwurf war nie die eigentliche Arbeit. Die Arbeit ist die Prüfung, ob die Fakten stimmen, ob überhaupt etwas über diese Firma darin steht und ob es nach dir klingt. Wer sie überspringt, spart genau dort, wo die Minuten gewirkt hätten.
Was von der Rechnung bleibt
Drei der vier Posten von 1970 sind Handarbeit, die fünfzig Jahre lang billiger wurde und nie ganz verschwand. Nur der vierte entscheidet darüber, ob eine Bewerbung überzeugt, und ausgerechnet er ist der erste, den man streicht, wenn die Zeit knapp wird.
Diese anderen drei nimmt Bewerbling dir ab. Du richtest eine Kampagne einmal ein, danach laufen Recherche, Anschreiben und Versand ohne dich. Der vierte Posten bleibt, wo er hingehört. Du entscheidest, wo du dich bewirbst und ob das, was rausgeht, zu dir passt.